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Litauen: Liebliche Landschaft – herzliche Menschen – unvergessliche Eindrücke
(Ein Reisebericht von Gerhard Beil)

Fragen über Fragen
Litauen: 65 000 km², 3,2 Mio. Einwohner, höchste Erhebung: Aukštojas (293,842 m), Hauptstadt Vilnius, Bauern, Basketball, Autohändler..., irgendwo im Osten, weit weg... Klischees en masse. Dabei haben französische Geographen vor einigen Jahren genau ermittelt, dass Europas geographische Mitte in der Nähe von Vilnius liegt. Nehmen wir dies zur Kenntnis? Oder halten wir uns für wichtiger, weil unser Teil von Europa „Mitteleuropa“ heißt? Versteht man die Litauer überhaupt? Viele Fragen gäbe es noch. Was sollte also reizvoller sein, als dieses Land kennenzulernen? Die EU und COMENIUS machten es möglich. Und ist es nicht besser, wenn sich die Jugend friedlich und lernwillig trifft - anstatt kampfwillig? Ist das „reine“ und „unschuldige“ Medium Wasser nicht geradezu ideal dafür geeignet, naturwissenschaftliche, literarische oder kulturell-historische Themen zu behandeln?

Auf nach Prienai
In der ersten Maiwoche 2011 trafen sich COMENIUS-Delegationen aus acht europäischen Ländern im litauischen Prienai, um ihre Projektarbeit zum Thema „Wasser“ fort zu führen, europäische Freundschaft zu pflegen und weitere Planungen zu vereinbaren. Aus der IGS/RS+ Rheinzabern waren die Schülerinnen Adriana Scherer, Luisa Pletl, Hannah Mühlheuser, Selina Brock und Migle Dimaytite „on board“, begleitet von Koordinatorin Bettina Vierthaler, Schulleiter Pete Allmann sowie den Lehrkräften Corinna Ludwig und Gerhard Beil. Die europäischen Gäste kamen vom Absatz des italienischen Stiefels, vom finnischen Polarkreis, aus Galizien am Atlantik, aus den englischen Midlands, von der Csepel-Insel in Budapest, aus Rzeszów im polnischen Karpatenvorland, aus der Pfalz und dem gastgebenden Litauen. Ein umfangreiches Arbeits-Programm sollte die europäischen Gäste überraschen.

Litauen ist kein „alltägliches“ Ziel, und so war man durchaus gespannt, was die Kinder erwarten würde. Gleich vorweg: Es war eine wunderbare Tour voller Herzlichkeit, wie man sie selten erlebt. Unglaublich, wie sich die Gastgeber in vielfältiger Weise bemühten. Waren die Schüler bei Gasteltern bestens untergebracht, so logierten die Lehrer in einem kleinen Hotels im nahe gelegenen Kurort Birstonas. Eingeladen hatte die , geleitet von Direktorin Angele Vasiliauskiené. Organisation und Koordination lagen in Händen von Adelé Berezovskaja.

Welch herzliche Begrüßung
Mit Folkloretänzen rund ums Lagerfeuer begann die Begrüßung in der Prienų Nemuno pradinė mokykla. Sie setzte sich in der Aula fort, wobei Sketche, Lieder und Tänze aus allen europäischen Gastländern die Besucher auf schöne Tage einstimmten. Natürlich war „From the raindrop...“ dabei. Und als schließlich noch mit Glockenklang „Come on board“, Herrn Allmanns Song, aufgeführt wurde, könnte so mancher Gast Gänsehaut bekommen haben. Singende, tanzende Kinder – ein Zeichen des Optimismus in einem kleinen Land, das nur geographisch am Rand der EU liegen mag; kulturell und emotional liegt es mittendrin. Es war, als ob die Kinder ausdrücken wollten: „Gebt uns eine Chance in Europa, ihr Satten!“ Oder vielleicht „Ihr alten Europäer, ihr braucht uns!“ Ob sie wussten, dass sie mit „Wenn ich ein Vöglein wär“ ein urdeutsches Lied anstimmten, dessen Text von Johann Gottfried Herder aus Ostpreußen stammt, jenem Herder, der so viel für das kulturelle Selbstbewusstsein der kleinen europäischen Völker tat? Auch und gerade die Balten und Slawen haben Herders Werk ganz wesentlich zu verdanken, dass sie im 19. Jahrhundert nationales Bewusstsein entwickeln konnten. Damals konnte sich niemand vorstellen, dass Menschen aus dem „Land der Dichter und Denker“ einmal für den Holocaust verantwortlich sein könnten. Einer der deutschen Dichter, Hoffmann von Fallersleben, schrieb im Jahre 1841 das , welches mit „Deutschland über alles...von der Maas bis an die Memel“ beginnt. Wir werden noch drauf zu sprechen kommen. Nach der Begrüßungszeremonie pflanzten oder säten die einzelnen Schulen in einem kleinen Zierbeet, auf dass die europäische Idee in vielen verschiedenen Farben erblühe und gedeihe. In wochenlanger Arbeit hatten sich unsere litauischen Freunde auf diesen Tag vorbereitet und die Schule wunderbar dekoriert. Überall hingen Bilder mit passenden Motiven. Ganz reizend die „Regenschirme“ mit großen Tropfen. Passend dazu gab es kleine Souvenirs aus Filz und Buttons für die Gäste. Welch ein Highlight mit europäischem Akzent! Auch die Vertreter des Schulamtes durften sehr zufrieden sein.

Dann ging es an die Arbeit: Schulbesuche, Vergleiche, Besprechungen der Koordinatoren, Smalltalk, Lachen. Außerdem wurden zusammen mit den Kindern aus den Gastgeberfamilien auch zwei größere Tagestouren unternommen. Zunächst lockte der Ostseestrand. Wir überquerten in Kaunas die einst „längste Brücke“ der Welt. 13 Tage brauchte man zum Überqueren der Memelbrücke, sagt der Volksmund. Der Grund: Westlich der Memel, in Polen, galt der Gregorianische Kalender, während am östlichen Ufer noch der Julianische Kalender galt, Symbol für die Rückständigkeit des Zarenreiches. Wir durchquerten sanfte Moränenhügel, versetzten uns in die 50-er Jahre zurück, sahen kleine Dörfer, liebliche Seen, saftige Wiesen, stolzierende Störche, Idylle pur, aber auch Auswandererland, Heimwehland. Gerade wurden für Litauer, Polen u.a. die Beschränkungen auf dem EU-Arbeitsmarkt aufgehoben. Bange Frage in Deutschland: Überschwemmen osteuropäische Arbeitskräfte den Arbeitsmarkt? Bange Frage dort: Kommt es zu weiteren Abwanderungen vieler Fachkräfte, die man eigentlich selber bräuchte? Werden noch mehr junge Menschen eine sichere Zukunft im Ausland suchen? Notwendig sind aber auch die Überweisungen der Litauer aus den USA oder der EU. Peu a peu hellte sich der Himmel auf, und das Meer ließ sich erahnen.

Zum „Ännchen von Tharau“
Erstes Ziel ist Klaipeda, das frühere Memel, am Kurischen Haff. Grenzlandschicksal, Krieg, Zerstörung, Vertreibung, Besatzung... Deutlich sind noch die Narben des Bombenkrieges zu erkennen, vereinzelt haben deutsche Inschriften überdauert. Klaipeda/Memel war lange Zeit militärisches Sperrgebiet. Heute ist es Litauens Tor zur Welt. Als bekannteste Erinnerung an Klaipedas deutsche Vergangenheit gilt der Simon-Dach-Brunnen vor dem Stadttheater mit dem berühmten „Ännchen von Tharau“. Schnappschüsse werden gemacht, doch das Lied ist nur noch wenigen bekannt. Ursprünglich ein wunderbares Gedicht von Simon Dach (1605-1659), von Herder ins Hochdeutsche übersetzt und von Friedrich Silcher vertont, wurde „Ännchen von Tharau“ zum Inbegriff des deutschen Volkslieds schlechthin. Typischer deutscher Akzent im ehemaligen Memel, typisch deutsche Geschichte im europäischen Rahmen. Ein versöhnliches Lied. Der Reiseführerin ist sicherlich nicht vorzuwerfen, dass sie Simon Dachs „Lied der Freundschaft“ nicht kennt. Sie wuchs in der Nachkriegszeit auf, als alle deutschen Spuren unterdrückt wurden. Es passte nicht zum Bild vom deutschen „Revanchisten“. Dabei wirkt auch Simon Dachs Gedicht im höchsten Maße versöhnend: „Kompliziert alles, weswegen es besser war, die verschlungenen Pfade deutsch-litauisch-russischer Geschichte nicht entwirren zu wollen. Wer hätte es verstehen können? Italiener? Finnen? Spanier? Polen vielleicht, doch hätte dies garantiert neue Komplikationen gebracht.

Am Ostseestrand
Palanga an der Ostsee gilt als Litauens bedeutendster Ferienort. Als berühmtester Gast gilt der Dichter Adam Mickiewicz. Ein gemütlicher Bummel durch den Botanischen Garten führt uns zunächst zur Märchenplastik von Eglé, der Natternkönigin, deren Geschichte zum COMENIUS-Thema gehört. Das Bernsteinmuseum im Neorenaissancepalast des Grafen Tiskiewicz, dem Initiator für das Seebad, zeigt uns Kostbarkeiten und Kuriositäten aus der Wunderwelt des „Gintaro“. Bernstein, das Gold der Ostsee, wird von den rauen Winterstürmen aus der Tiefe des Meeres an den Strand gespült. Regelmäßig reißen die Naturkräfte auch den Sandstrand weg und ziehen die berühmte Seebrücke in Mitleidenschaft. Alljährlich müssen deshalb erhebliche Reparaturarbeiten durchgeführt werden. Überall wird letzte Hand angelegt, wird sich für die neue Saison herausgeputzt. Bei einem langen Strandspaziergang lässt man sich so richtig vom Wind durchblasen. Wir ahnen den Flair eines unbeschwerten abendlichen Bummels entlang der Promenade – just dem Sonnenuntergang entgegen. Dennoch wird mittlerweile Palangas kurze Tourismussaison weniger von der Wetterunbill als von billigen All-inclusive-Offerten aus südlichen Gefielden bedroht. Leider heißt es dann unerbittlich: Wir haben noch einen langen Rückweg vor uns.

Pralinen statt Wodka
Ein weiterer Ausflug sollte gleich zu zwei Litauen-Highlights führen. Zunächst aber hieß es den Tag zu versüßen. Die Konfiserie in Trakai bot dafür beste Gelegenheit. Unter fachlicher Anleitung durften die „Kleinen“ sich im Fertigen verschiedener Pralinen üben und in das Geheimnis der Konfiserie-Kunst reinschnuppern, während derweil die „Großen“ den Capuccino genossen oder den süßen Verführungen in der Theke erlagen. Pralinen statt Wodka als Mitbringsel aus Litauen? Sic tempora mutantur.

Wunderbares Trakai
Die Burg von Trakai gilt als Juwel des litauischen Tourismus, „einzige Wasserburg Osteuropas“ inmitten einer herrlichen Seenlandschaft. Hier war der erste Sitz des Fürstentums Litauen, ehe Gediminas die Residenz nach Vilnius verlegte. Ein absolutes touristisches und historisches Muss. Vorbei an den originellen Häusern der Karäer gelangen wir zu einem urigen Gasthaus. Bei schmackhaften „Zeppelinen“ - die Kartoffelklöße ähneln der Pfälzer Spezialität „Hooriche Knepp“ - schweift unser Blick hinüber zur Burg, die sich mit ihren roten Backsteinen vom blauen See abhebt. Und darüber lacht ein sonniger Himmel mit weißen Wolken – wie gemalt alles. Dann erreichen wir Vilnius, die Hauptstadt.

Hauptstadt Vilnius
Welche Prädikate hat die Stadt: – , dazu. Vilnius (rd. 550 000 Einw.) ist eine schöne und geschichtsträchtige Stadt, Schmelztiegel verschiedener Nationalitäten und Religionen. Als Herz von Vilnius gilt der Kathedralenplatz mit dem tempelartigen Gotteshaus und dem singulären Glockenturm, überragt vom Gediminas-Hügel. Von der „Wunderplatte“ bei der Kathedrale gingen 1989 große Freiheitsdemonstrationen aus. Wir kommen gerade richtig, denn man feiert eine Europawoche, weswegen überall die blaue Europaflagge mit dem Sternenkranz flattert. Und statt „Zeppelinen“ gibt es vermutlich Pizza. Wir machen eine Stippvisite in der St.-Peter-und-Paul-Kirche und bummeln später durch die südliche Altstadt mit mehreren symbolträchtigen Kirchen, streifen aber auch das ehemalige jüdische Ghetto. Das „Tor der Morgenröte“ beherbergt in seiner Torkapelle eine Kostbarkeit, die auch von der Straße aus zu sehen ist: Johannes Paul II. (er hatte eine litauische Mutter!) war deswegen hier, um vor dem Gnadenbild der Hl. Jungfrau Maria Mutter der Barmherzigkeit zu beten. Die Ikone ist besser bekannt als eine bedeutende Pilgerstätte für Katholiken und Russisch-Orthodoxe. Kein Wunder, dass eine Maiandacht mittels Lautsprechern auf die Straße übertragen wird. Kein Wunder aber auch, dass unsere polnischen Freunde der Muttergottes von Wilna besondere Ehre erweisen. Für Litauen und Polen, den beiden Ländern mit besonders starker Marienverehrung, sei übrigens angemerkt: Der Sternenkranz in der Europaflagge hat sein Vorbild im Sternenkranz der Madonna, was einer besonderen Identifizierung mit Europa sicherlich entgegen kommt.

Wasser – Lebenselixier und Energiequelle
Während Kinder und Koordinatoren in Klassen und Klausur sind, begibt sich der weitere Begleittross auf eigene Besuchertour, um Eindrücke von Land und Leuten zu bekommen. Stolz ist man auf das neue Wasserwerk für Birstonas, größtenteils gefördert mit EU-Mitteln: Neueste Standards, Kameraüberwachung, Edelstahl, sicher gegen Sabotage, aber auch ein entsprechender Wasserpreis: 1 m³ Trinkwasser kostet 6,28 Litas (ca. 1,80 €!) bei einem monatlichen Durchschnittsverdienst von ca. 345,-- €.

Wasser zur Energieversorgung hat im rohstoffarmen Litauen eine besondere Bedeutung, erst recht seit das Atomkraftwerk Ignalia abgeschaltet ist und ein adäquater Ersatz fehlt. Vor diesem Hintergrund ist der Besuch im Pumpspeicherwerk Kruonio an der Memel, oberhalb des „Kaunaser Meeres“, interessant. Das E-Werk kann allerdings nur zur Abdeckung der sogenannten Spitzenlast dienen. Beiläufig zeigt man uns noch eine Investitionsruine aus sowjetischer Vergangenheit – und erinnert an die einstige einseitige Abhängigkeit vom ungeliebten Nachbarn. Heute haben hier Firmen wie Siemens oder Vattenfall Einzug gehalten.

Ein Hoch auf die Dorfschule
Im kleinen Dorf Asminta besuchen wir eine „Zwergschule“ von gerade mal 25 Kindern. Aber welch großartiger Empfang! Ein Theaterstück über das Leben des in Litauen hoch verehrten Hl. Linas wird aufgeführt – Kinder, Lehrer, Eltern und Omas wirken mit. Geschickt und diskret übersetzt Airina Lakaviciute die Eindrücke ins Englisch. Die Grundschule in Asminta arbeitet jahrgangsübergreifend – wie bei uns früher auch – und bezieht in vielfältiger Weise die Gemeinde mit ein. Kinder lernen noch traditionelle Handarbeiten, pflegen das jahreszeitliche Brauchtum, basteln, malen, tanzen, singen, spielen Theater und lassen im wahrsten Sinne die Schule im Dorf, ist sie doch vielfach ein wichtiger Kulturträger – und ein Symbol für Zukunft! Ein traditionelles Vesper mit bodenständigen Köstlichkeiten bieten anschließend Grundlage für regen Gedankenaustausch, wobei – man wünscht von Gerhard Beil eine „Bürgermeisterrede“ - auch ein Hoch auf die „Zwergschule im Dorf“ zum Ausdruck gebracht und davor gewarnt wird, die gleichen Fehler zu begehen, die man einst bei uns gemacht hat, obwohl stets betont wurde: Small is beautiful.

Und dann ist da noch das Museum von Prienai, ein wahres Schatzkästlein für Geschichte und Brauchtum. Bäuerliche Wirtschaft und Kultur haben in Litauen noch einen hohen Stellenwert. Jahrhunderte lang waren Flachsanbau und -verarbeitung, die Leinenweberei und der Getreideanbau Haupteinnahmequellen. Das gereichte Landestypische Vesper ist deftig und bodenständig, exzellent mundet dazu der - Wein aus heimischen Brombeeren, Kirschen und Apfelbeeren. Eine Spezialität, die sogar als Bestandteil des europäischen Kulturerbes für regionale Produkte anerkannt ist.

Anele Razmilaviciene versteht es geschickt, uns in ein Kapitel litauischen Brauchtums einzuführen. Roggen gedeiht hier, und Schwarzbrot spielt eine besondere Rolle als Nahrungsmittel, aber auch als Symbol des Begegnens und der Freundschaft. Rituale ums Brot sind fast heilig. So dürfen die europäischen Lehrer ihr eigenes Brot backen, Spezialitäten versuchen und einen Grundkurs in litauischer Volkskunde erleben. Einige Gäste formen zum ersten Mal mit eigenen Händen aus Sauerteig ein Brot und können miterleben, wie es im Backofen gebacken wird. Der Duft ist unvergesslich, der Versuch gelungen: Liebe zu Litauen geht auch durch den Magen.

Aufgrund des überdurchschnittlichen Engagements der Prienų Nemuno pradinė mokykla ist auch Bürgermeister Juozas Krikstolaitis (mittlerweile ist Vytąs Bujanauskąs als sein Nachfolger gewählt worden) sehr eng in die Europawoche involviert – und sichtlich stolz auf „seine Leute“ und seine Gäste. Mit einem Empfang im Rathaus begrüßt er die europäischen Lehrer, stellt seine Stadt im Film vor und dankt allen Mitwirkenden am Gelingen des Aufenthaltes. In seiner Rede geht er auf den Nemunas/die Memel als „Vater aller litauischen Flüsse“ ein, worauf Ortsbürgermeister Gerhard Beil vom „Vater Rhein“ und seiner Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart spricht. Als Gastgeschenk an den Mere von Prienai überreicht G. Beil einen kleinen römischen Merkur aus Tabernae. Presse und Fernsehen berichten ausführlich von der europäischen Stunde. Juozas Krikstolaitis lädt auch zu einem Abendessen ins Restaurant BERZAS ein, teilweise gesponsert von der örtlichen Bank. Bezeichnenderweise findet das Essen in einem Haus statt, wo früher die Parteizentrale der KPdSU war – samt Folterkeller. Dass hier einmal auf Europas Zukunft getoastet werden sollte, konnten sich Stalins Enkel sicher nicht vorstellen. Litauen war übrigens die erste sowjet. Teilrepublik mit Ablösungsbestrebungen von der UdSSR Richtung Freiheit, Menschenrechte, freie Wahlen, Europa. Diese Bewegung wird als „singende Revolution“ bezeichnet. Dank Gorbatschows Perestroika gab es kein Halten mehr, auch nicht mehr durch die vorübergehende Besetzung des Fernsehturmes in Vilnius durch sowjetische Truppen im Januar 1991. Im Gegensatz zum Westen sind die Litauer auf „Gorbi“ gar nicht gut zu sprechen! Schließlich zogen im Jahre 1993 die sowjetischen Soldaten endgültig ab, seit 2004 ist Litauen Mitglied von EU und NATO.

Am vorletzten Tag, bei der „Farewell-Party“ im Kulturhaus, engagiert sich der Bürgermeister zum dritten Mal mit diversen Präsenten für die Koordinatoren und Ehrengäste. Wieder sind Eltern, Honoratioren und Schulbeamte eingeladen und sollten sich nach dem großartigen Programm an Spezialitäten der Region laben. Besonders beliebt war dabei der traditionelle „Shakotis“, vulgo „bankuchenas“ genannt – ein köstlicher Baumkuchen. Adele gab uns noch einen Geheimtipp, wo besonders gute „Shakotis“gebacken werden: In ihrem Heimatort Stakliskes. Doch zunächst präsentieren die COMENIUS-Gäste ein herrliches Programm aus Sketchen, Tänzen, Bildern und Spielen - ein Europa im Kleinen. Eltern und Gäste wurden in die Tänze einbezogen oder einfach mitgerissen. „Bellissima“ die italienische Pizzica Salentina und der spanische Tanz. Besonders schön auch die litauischen Trachtentänze und Gesänge. Bettina Vierthaler hatte mit den Rheinzaberner Mädchen einen Tanz einstudiert, bei dem das Publikum zum Mitmachen aufgefordert war. Den Abschluss bildete Schulleiter Allmann, der sich inmitten des Kulturpalastes mit seiner Gitarre auf dem Boden platzierte und die „Wassersongs“ intonierte, welche in allen Projektschulen eingeübt werden. Lernen mit Herz, vom Feinsten, mit einem politischen Ausblick auf die Zukunft, die Jugend, den Frieden, Europa - womit der eigentliche Auftrag des COMENIUS-Projektes akzentuiert wird – weit über das Thema Wasser hinaus. Prienai war eine Woche lang fest in europäischer Hand, und der Bürgermeister wusste diesen Moment zu ergreifen, indem er Gerhard Beil um Unterstützung bei europäischen Kontakten bat. Landrat Dr. Brechtel hat dafür bereits ein offenes Ohr offeriert.

Schicksalsfluss Nemunas/Memel
Wir verlassen Prienai nicht, ohne eine denkwürdige Schifffahrt auf der Memel erlebt zu haben. Es ist ein kühler Nachmittag im „Nationalpark Nemunasschleifen“, als im berühmten Kurort Birstonas die „Vytenis“ zu einer romantischen Fahrt durch die Nemunasschleifen, den schönsten Flussabschnitt der Memel ablegt. Jugend aus acht Nationen und ihre Begleiter verkriechen sich bald im Bauch des Schiffes, verbreiten „babylonisches Sprachgewirr“, verstehen sich aber blendend. Nur ein ungarischer Kollege lässt sich über den besonderen Ort aufklären, zieht sich dann aber auch ins Bootsinnere zurück, so dass die Gedanken freien Lauf haben: Natur... Völkermühle... Geschichte... fallen mir ein. Ist es bei uns am Rhein nicht ähnlich? Wir erinnern uns an Carl Zuckmayers treffende Beschreibung von der Völkermühle am Rhein. „Das ist wahrer Adel“, ließ er seinen General Harras in „Des Teufels General“ sagen. Möwen begleiten uns, Kraniche laben sich im Uferbereich, Habichte kreisen am Himmel, Lerchengesang und Rabengekrächze wie bei einem Gesangswettbewerb, ein Storch stolziert selbstbewusst über die Wiese, vorbei geht es am abbrechenden Steilhang einer eiszeitlichen Moräne, drei einsame Schwäne erinnern an das ospreußisch-litauische Lied „Zogen eins fünf wilde Schwäne...“, ein Ruderer zieht gemächlich seine Bahn, Idylle pur... „Von der Maas bis an die Memel...“ heißt es im Deutschlandlied, doch die Memel war nie allein ein deutscher Strom. Mit Recht heißt sie auch Nemunas, Njemen, Neman, Njoman und Niemen, denn hier lebten und leben noch mehrere Nationalitäten und Religionen zusammen: Litauer, Polen, Weißrussen, Russen, Deutsche und Juden. Die Deutschen sind vertrieben und die Juden fast völlig dem Holocaust zum Opfer gefallen. Danach folgten mehr als vier Jahrzehnte kommunistische Sowjetunion. Nicht zuletzt war es auch der unsägliche Nationalismus, der zur Selbstzerstörung, Grenzverschiebung und Teilung führte. Drei Völker berufen sich auf einen Dichter, der an der Memel geboren wurde: Adam Mickiewicz, der „Goethe der Polen“, schreibt in seinem großen Epos Pan Tadeusz „Litauen, du mein Vaterland“ und gilt als Symbol dieser Vielvölkerregion - und wie sein Heimatstrom, die Memel, als Botschafter europäischen Denkens. Auch Literaturnobelpreisträger Czeslaw Miloz ist in Litauen geboren. Milosz wäre am 30. Juni 2011 hundert Jahre alt geworden. „Ich bin in Litauens Mitte geboren“, schreibt er einmal, aber seine Vorfahren sprachen seit Jahrhunderten Polnisch. So wurde er, trotz der engen Bindungen an sein Geburtsland, ein polnischer Dichter. Eines seiner berühmtesten Werke heißt . Mit der Parabel von jener mongolischen Pille Murti-Bing demaskiert er den kommunistischen Totalitarismus und dessen Anziehungskraft auf Schriftsteller und Intellektuelle. Milosz passte sich nicht an, vielmehr wurde er ein geistiger Vater der Freiheitsbewegung jenseits des Eisernen Vorhangs, zu dessen Fall insbesondere unsere polnischen Nachbarn sehr viel beitrugen. Und unter den schier hundert Völkern der ehemaligen Sowjetunion waren es die Litauer, die zuerst rebellierten. Zeitlebens setzte sich Czeslaw Milosz für eine Versöhnung von Polen und Litauern in einem vereinten Europa ein. Wie die Pfalz am Rhein war auch die Region entlang des Nemunas/der Memel europäisches Durchgangsland, Heerstraße für Schweden, Russen, Polen, Napoleon und später Hitler. Dieser gab dem „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt“ eine tödliche Bedeutung. Wir erinnern uns dieser Tage an den 70. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion, dem „Unternehmen Barbarossa“, das am 22.Juni 1941 los brach. Am Ende war Europa nicht wiederzuerkennen, und noch immer sind die Narben nicht verheilt, der Schmerz nicht vergessen. Eine Apokalypse unsäglichen Ausmaßes hatte zum Teil schlimmste menschliche Kräfte freigesetzt.

Erinnerungen an Pren
Am 27.8.2011 kam die Heimsuchung auch über das kleine litauische Städtchen Pren am Nemunas. Der Name Pren ist jiddisch. In Pren lebte seit dem 17. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde. Pren war ein typisches jüdisches Stetl, wie es etwa Elias Canetti oder Isaak B. Singer beschreiben, mit Synagoge, kleinen Händlern, gläubigen Juden, jüdischem Friedhof... Manche von ihnen arbeiteten als Nemunas-Flößer, um das Holz aus Russlands Wäldern zur Hafenstadt Memel zu transportieren, wo es z.B. nach England exportiert wurde. Zum Alltag der Juden im Stetl gehörten auch die Pogrome, die der Zar regelmäßig zuließ, um ein Ventil zu schaffen für die arme Bevölkerung Russlands. Zuletzt ist ein Pogrom polnischer Jugendlicher aus dem Jahre 1882 bekannt. Im Ersten Weltkrieg gehörte Litauen zum deutschen Verwaltungsgebiet Ober-Ost, ein Modellversuch zur Ausbeutung des Ostens. Eine bettelarme Gegend, die dazu noch als Vorbild für das deutsche Propagandabild von den „dreckigen Polen und Russen“ dienen sollte. Die Nazis haben diese Vorurteile vielfach verstärkt. Nach dem I. Weltkrieg als Staat entstanden (das Wilnagebiet blieb bei Polen), wird Litauen 1940 von der UdSSR annektiert. Wir erinnern uns des diabolischen Hitler-Stalin-Paktes vom August 1939, der Hitler freie Hand für einen Angriff auf Polen ließ. Sofort verstaatlichte die UdSSR die Mehrzahl der jüdischen Läden und Fabriken, viele Litauer wurden nach Sibirien verschleppt. Pren zählte rund 1900 Einwohner, als am 24. Juni 1941 deutsche Soldaten einmarschierten. Sofort übernahmen litauische Nationalisten die Herrschaft. Nationalistische Studenten töteten die jüdische Intelligenz der Stadt Pren, andere jüdische Einwohner wurden wegen Verdachts auf Kollaboration mit den Sowjets inhaftiert und erschossen. Die Juden in Pren wurden isoliert, durften keine Kontakte zu Nichtjuden halten, kein Rauch durfte aus ihren Kaminen kommen, sie durften nichts Warmes kochen. Unter Aufsicht der deutschen Besatzer trieb am 14. August 1941 litauische Hilfspolizei die Juden aus den umliegenden Orten in Pren zusammen und pferchte sie unter schlimmsten hygienischen Bedingungen in den ehemaligen sowjetischen Kasernen zusammen. Am 25. August mussten jüdische Männer auf dem Schindanger zwei Massengräber von 20x4 bzw. 10x4 m ausheben. Am 26. August schließlich wurden 1078 Juden, Männer, Frauen und Kinder, mit Maschinengewehren erschossen, viele noch lebend mit Erde zugeschüttet. Nach Augenzeugenangaben haben sich viele Körper noch stundenlang bewegt. Nur wenige Juden aus Pren überlebten. Das jiddische Pren gibt es nicht mehr. In keiner Region Osteuropas wurde übrigens der Holocaust so weitestgehend umgesetzt wie in Litauen. Anstelle des zerstörten jüdischen Friedhofs steht nur noch ein kleiner Gedenkstein. Er trägt die Inschrift „Bis zum Jahre 1941 wurden hier die jüdischen Einwohner bestattet“. Unweit davon finden wir die . Pren heißt auf Litauisch Prienai.

Prienai kam 1944 wieder zur UdSSR. Parteizentrale, Rathaus und Kulturhaus bildeten das neue Machtzentrum, und wieder gab es Verschleppungen und Hinrichtungen von „Partisanen“ oder Litauern, die mit den deutschen Verbrechen verstrickt waren oder kollaboriert hatten. Niemals aber konnte man den Bürgern von Prienai ihre der Epiphanie geweihte ehrwürdige Kirche verbieten. Noch lange wird es dauern, bis die komplizierte Geschichte vollständig aufgearbeitet ist. Die Jugend Europas lässt es sich derweil gut gehen, ist kindlich unbedarft, soll nicht belastet werden. Doch es gilt: Ohne Kenntnis der Vergangenheit können wir die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht meistern. Längst leben Generationen, die lange nach dem Krieg geboren wurden. Für Litauer wie auch uns Deutsche gilt: Niemals dürfen wir sagen „Das geht uns nichts an!“

Aciu Prienai und iki pasimatymo
Was bleibt vom COMENIUS-Treffen in Prienai? Wasser als „Elixir der Freundschaft und des Friedens“ erweist sich als gutes Thema für die Erziehung zu Völkerverständigung und Frieden. Ist Litauen weit? Es ist zwar 1,5 Flugstunden entfern – doch mitten in unserem Herzen. Und verständigen konnten wir uns auch. Dafür benutzten wir die Sprache der freundlichen Gesten, des Herzens oder ganz einfach unser Englisch. Wir haben ein Land mit allen Sinnen erlebt und viel Neues gelernt, vor allem auch, wie man mit weniger auskommen kann. Rührend die Gastfreundschaft – und sicherlich nicht wegen der typisch Pfälzer Gastgeschenke: Wurstspezialitäten und Hausmacher aus der Metzgerei Scherer in Hatzenbühl! Selten sah ich so viele lachende Gesichter – Kinder und Lehrer. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich sind gute Worte, freundschaftliche Gesten, kleine Hilfen oder lachende Herzen mehr wert als die schönsten Gebäude. Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf die Verpackung. Die Fortsetzung der COMENIUS-Begegnungen folgt im November in Finnland. Facebook wird neue Freundschaften erleben, Maile die Adressen wechseln, weitere Kontakte und Besuche sind nicht ausgeschlossen. Zum Abschluss des Projektes wird man sich im Mai 2012 in Rheinzabern wieder treffen. „Aciu Prienai, iki pasimatymo!“, danke, Prienai, für die Gastfreundschaft, auf Wiedersehen! Aciu, Adele, für die Organisation. Schon jetzt rufe ich allen Freunden zu: Herzlich willkommen in Rheinzabern, in der herrlichen Südpfalz – mitten in Europa. Sveiki atvyke und welcome!

Reisebericht Litauen in Englisch / Lithuania Travel Report in English

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